Angst deine Matskills und deinen Verstand zu verlieren? Vier Top Grappler verraten wie sie mit dem Lockdown umgehen [Frag den Fighter]

Der Lockdown setzt der Grappling Szene ordentlich zu und Grappler weltweit haben Angst ihre hart erarbeiteten Matskills zu verlieren. Aber nicht nur das, auch den Verstand droht es zu verlieren wenn man nicht dem nachgehen kann was man liebt. Und so haben wir einige der besten Grappler angeschrieben und gefragt: „Wie verhinderst du im aktuellen Lockdown, dass du weder deine Matskills noch deinen Verstand verlierst?“ 

Vielen Dank an Nico, Natascha, Justus und Darragh für ihre Antworten. Wer weiß, vielleicht ergänzt sich der Artikel mit der Zeit ja noch.

Nico Penzer:

BJJ Schwarzgurt vom Stallion Gym in Stuttgart. Er hat sich 2019 den 8ten Platz auf der IBJJF Nogi Weltrangliste erkämpft und ist einer der aktivsten und erfolgreichsten Grappler Deutschlands.

Also Matskills verlieren geht glaube ich nicht so schnell. Das ist wie Fahrrad fahren, das verlernt man nicht. Natürlich werden nach einer gewissen Zeit die Übung und die Fitness fehlen. Wichtig ist es, denke ich, so viel wie möglich mit dem Sport in Kontakt zu bleiben. Einerseits mental, in dem man z.B. Kämpfe oder Instructionals schaut und im Kopf Bewegungsabläufe visuell verbindlich und andererseits physisch, wenn man die Möglichkeit hat, für sich selbst weiter zu trainieren. Auf YouTube findet man dazu eine große Auswahl an Videos (z.B. im Stallion Gym Channel). Und wenn einem die BJJ Solo Drills irgendwann zu langweilig werden, würde ich versuchen an meiner Fitness zu arbeiten, also mehr Krafttraining oder Yoga zu machen. Das kommt dann natürlich auch auf die Möglichkeiten an die man hat, aber Wolfgang Unsöld empfiehlt z.B. in seinem Podcast #50 („Corona Episode“) drei Übungen: Pistol squats, Dips und Klimmzüge! Den Verstand nicht zu verlieren, ist dann schon der schwierigere Part, würde ich sagen! Jeder kennt das, wenn man nach 4-5 Tagen nicht im Training war und auf einmal kantig und gestresst wird, weil man die Möglichkeit nicht mehr hat sich auszupowern. In diesen Zeiten scheint es besonders schwer die Balance zwischen Alltag und Freizeit ausgewogen zu halten. Sport ist da auf jeden Fall die Lösung. Es ist natürlich einfacher immer um 19 Uhr ins Gym zu gehen, aber wenn das wegfällt, muss man sich wieder eine neue Routine ausdenken und sich daran halten. Und bleibt mit euren Trainingspartnern im Kontakt, organisiert Videokonferenzen etc. Auch wenn es euch gut geht, kann es sein, dass sich jemand über eine Nachricht von euch freut! Ossssssss

-> Nico Penzer bei Wolfgang Unsöld im Podcast

Natasha Coerper:

BJJ Lilagurt und IBJJF European Champion 2020. Natascha ist Mitglied des Deutschen Newaza National Teams und aktuell nicht aufzuhalten. Grappling Industries, IBJJF, AJP … she´s been there, won that.

 

Meine Trainingseinheiten haben auf jeden Fall stark nachgelassen, leider. Um aber den drive auszuleben hab ich mir Matten für Zuhause bestellt und trainiere mit meinem Freund. Wobei das kein Vergleich zu einer Openmat ist..
Auch hab ich mir mehrere Gewichte, TRX und ein Fahrrad besorgt. Mit Kraft und Cardio kann man sich auch super auspowern! Die Auszeit hat aber auch gute Seiten. So kann ich Verletzungen richtig auskurieren und mich für das kommende Semester gut vorbereiten.
Viele Grüße aus Berlin ✌️

 

Darragh O Conaill:

BJJ Schwargurt, Cheftrainer bei dem erfolgreichsten BJJ Team Irlands East Coast Jiu Jitsu und IBJJF Black Belt Nogi European Champion.

I personally don’t believe you lose your Jiu jitsu skills especially not in a short time. In my own experience I have taken up to nearly 6 months off with injury. I have also seen countless students go through knee surgeries that took a whole year, sometimes even two to recover from. Myself and any of these students I saw were essentially right where they left off when they came back.

You don’t forget Jiu Jitsu. The best analogy I can think of, is playing an instrument. Lets say guitar. You never forget how to shape chords, play notes. If you stop for a while, the connection between your brain and body slows a little. Your body cannot do what your mind knows it should. But you have not forgotten or lost anything other than perhaps some accuracy and timing. I believe Jiu jitsu i is the same.

You will not forget what an armbar is. You will not forget that you need to pass the guard. You will not forget to keep your chin down when someone’s on your back. Your brain to body connection may be a tiny bit slower. But you will not suddenly be kimurad and wonder what is this magical move I have completely forgotten.

The added benefit to this, is the whole world is experiencing the same thing so nobody is marching ahead of you. We are all in the same situation. This I believe will make the effect of “losing skills” even less!

Of course, if you had only begun, and barely had time to solidify knowledge, it will be harder. But again, I don’t believe you will have lost any skill as you didn’t really have any to begin with! 😂

In terms of keeping sane, for me it’s easy. In Ireland the lockdown is not as strict as other places. Outside of Jiu jitsu I enjoy yoga, skateboarding, walking outdoors and swimming in the sea, playing guitar, video games, amongst many other things. I’ve been enjoying the time off and trying to pack each day with as much of these things as I can.

Justus Göschel:

Luta Livre Schwargurt und Polaris Veteran. Justus schnappte sich spätestens im letzten Jahr die Aufmerksamkeit aller Grappler in der Deutschen Szene mit deinem erfolgreichen Contender Run bei Polaris und überzeugte währenddessen auf Turnieren wie Grappling Industries weiterhin mit überragenden Leistungen.

Eine Frage, die ich in den letzten Wochen oft gestellt bekommen habe, genauso oft aber auch selber gestellt habe – mir selber, wie auch meinen Sportsfreunden in Deutschland, Polen und London.

Unsere Trainingswelt steht still, es gibt keinen Trost oder keine Aktivitäten, die unsere Zeit auf der Matte langfristig ersetzten kann. Doch ungewöhnliche Situationen verlangen ungewöhnliche Verhaltensweisen, oder nicht?

 

Ich persönlich hatte, um kurz zu resümieren, ein tolles Wettkampfjahr 2019, ich lernte tolle neue Menschen kennen, war erfolgreich im Wettkampf, Studium und konnte meine Skills auf allen Ebenen verbessern – eine Zeit die jetzt im Nachhinein biblisch war. Das Jahr 2020 fing mit weiteren Erfolgen und der Promotion zum Schwarzgurt absolut vielversprechend an. Die Motivation war hoch, der Körper war heile und der Durst, sich jetzt als Schwarzgurt beweisen zu dürfen, sehr groß…Dann Corona Lockdown: Universität zu, Gym zu, Veranstaltungen und Superfights abgesagt.

Ich selbst machte mir zu Beginn größere Sorgen um mein Studium, da es gerade eine Hochphase beschrieb, doch der zweite Gedanke war direkt: Mist, mein Training!

Das Training spielt natürlich die wichtigste Rolle in unserem Sport und ist der Faktor, der uns im Wettkampf zum Erfolg bringt – doch es spielt eine weitaus größere Rolle.

Es ist meine Zuflucht, ein großer Bestandteil meines sozialen Lebens und der beste Ausgleich zu Stress in jeglicher Form. Training macht mich zu der ausgeglichenen Persönlichkeit und zu Dem, was ich bin.

In den letzten acht Wochen bestand die große Aufgabe darin nach Optionen zu suchen, sie zu finden, und auszuprobieren.

Unglücklicherweise, oder glücklicherweise, hatte ich viel für mein Studium zu erledigen, ich habe viel gelesen, geschrieben und recherchiert, was meinen Verstand etwas aufrecht halten konnte. Schon nach kurzer Zeit musste ich aber sehr schnell feststellen, dass die Produktivität täglich abnahm. Definitiv damit verbunden, dass der tägliche Gang ins Gym ausblieb. Ich fing wieder an jegliches Grappling-Videomaterial zu analysieren; ich schaute praktisch alle Kämpfe der letzten Jahre von mir selbst und Events wie ADCC, BJJ Worlds, Polaris; SUG, EBI (…) wurden geschaut wie eine Netflix Serie.

Es tröstete mich nicht, sondern machte mich nur noch mehr traurig – für mich persönlich ist es schwierig unseren Sport in einer Art „Trockenübung“, mit „Mental Training“ oder Videoanalysen, auszuüben. Es schenkt mir keinerlei Ersatz zur physischen Aktivität, zum Training, zum „Kämpfen“, zur sozialen Interaktion auf der Matte.

Zweiter Aspekt ist das Krafttraining. Es spielte bei mir schon seit Zeiten vor JiuJitsu, Luta Livre, Grappling, Ringen, eine große Rolle und macht mir Spaß. Glücklicherweise bietet sich mir die Möglichkeit, im Home-Gym trainieren zu können. Tag ein Tag aus stemme ich jetzt Gewichte und werde stärker – aber werde ich dadurch auch stärker auf der Matte?

In den letzten Tagen (Anfangen der Quarantänewoche Nr.8) habe ich mir, zusammen mit meinen Coaches, einen Strength & Condition Plan zusammengestellt: Nichts Besonderes wie laufen, radeln…Kraft bleibt lange, die Puste ist nach wenigen Wochen ohne Training schon deutlich geschmälert, bei mir zumindest! Doch in meinem Fall bleibt es nur ein Versuch, sich von der momentanen Situation abzulenken und die physische Komponente abzudecken, einen Ersatz zum Training auf der Matte stellt es definitiv nicht dar.

Ich denke, dass ich die momentane Situation verstehe und realistisch davon ausgehen kann, dass alle geplante Wettkämpfe in den nächsten Monaten wohl eher den Virus zum Opfer fallen werden, ebenso wie meine geplanten Trainingsaufenthalte in den USA und London – alles Dinge die mich ärgern und traurig machen! Alle JiuJitsu-Leser werden es wohl gut nachvollziehen können!

Aber was bringt es uns? Andere Individuen kämpfen um ihre finanzielle Existenz, sind getrennt von ihren Liebsten oder noch viel schlimmer; bangen um ihre Gesundheit.

Ich bin davon überzeugt, dass unsere Sport-Community stark ist und es nach dieser „Krise“ ein enormes „Hoch“ geben wird. Trotz der momentanen Umstände, müssen wir uns selbst, dem Sport und unseren Mitmenschen treu bleiben – wir sollten unser Gym weiterhin unterstützen, den Kontakt zu unseren Trainern, Matbuddies und der Onlinecommunity weiterhin halten. Covid-19 ist ein Fluch und macht es uns schwierig, aber was bleibt uns denn anderes übrig?

Es fällt mir schwer, die oben gestellte Frage, konkret zu beantworten. Es kann doch gut sein, dass mein Verstand unter diesen Umständen schon etwas gelitten hat! Spaß bei Seite, Fakt ist, solange wir uns mental, sozial und physisch halbwegs fit halten, gesund bleiben und positiv in die Zukunft blicken, wird der erste Schritt zurück auf die Matte biblisch sein.

Um meine Statement positiv abzuschließen, äußere ich meine Überzeugung, dass diese Pause für viele eine gute Pause sein wird (Na gut, sie könnte auch etwas kürzer sein, ABER) – Verletzungen heilen, wir resümieren unsere Skills, wir denken täglich bewusst über unsere Stärken und Schwächen nach, schauen Videos und sind gezwungen wieder mehr in die Natur zu gehen. Wir erkennen, wie groß die Sehnsucht nach unserem Sport tatsächlich ist – diese Erkenntnis sollte uns keineswegs schwächen, sondern eher eine Beihilfe sein die schwierigen Zeiten zu überstehen.

Ich bin davon überzeugt, dass Diejenigen, die es mit ihren Matskills ernst meinen, keinerlei jener einbüßen werden, sie werden gesund, motiviert und bedacht zurück auf die Matte treten können – im diesen Sinne bleibt positiv.

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